Stellungnahme der Strahlenschutzkommission
Verabschiedet auf der 175. Sitzung der SSK am 13./14.12.2001
A.-V. Guizard veröffentlichte zusammen mit weiteren Autoren im Juli 2001 die Studie "The incidence of childhood leukaemia around the La Hague nuclear waste reprocessing plant (France): a survey for the years 1978-1998". Diese Untersuchung setzt die Beobachtung der Leukämieinzidenz bei Kindern und Jugendlichen in der Umgebung der Nuklearanlagen in der Region Nord Cotentin (Frankreich) fort, die in einer Reihe von Vorläuferarbeiten bereits beschrieben wurde. So wird auch in dieser Arbeit von einer erhöhten Inzidenzrate in der Umgebung der Wiederaufbereitungsanlage La Hague berichtet.
Die Untersuchung ist als geographische (ökologische) Studie konzipiert. Sie beschreibt die Inzidenzrate für Leukämie als Standardisiertes Inzidenzverfahren (SIR) für verschiedene Altersgruppen bis 25 Jahre in drei Zonen (0 bis 10 km, 10 bis 20 km, 20 bis 35 km) um die Wiederaufbereitungsanlage La Hague für die Jahre 1978 bis 1998. Als Vergleichsbevölkerung wurden fünf andere Regionen (Unterrhein, Doubs, Calvados, Oberrhein und Isère) gewählt, für die die Leukämie-Inzidenzraten aus französischen regionalen Krebsregistern vorliegen.
Für alle Zonen und Altersgruppen zusammen wurde um La Hague keine erhöhte Inzidenzrate gefunden (38 Fälle, 36,9 erwartet; SIR = 1.03; 95 % CI: 0.73 - 1.41). Das höchste Inzidenzverhältnis mit SIR = 6,38 (95 % CI: 1.32 - 18.65) wurde in einer Einzelgruppe für die 0 - 10 km-Zone und für die Altersgruppe 5 - 9 Jahre ermittelt (3 Fälle). Der niedrigste Wert mit SIR = 0 (keine beobachteten Fälle) ergab sich ebenfalls in der 0 - 10 km-Zone für die Altersgruppe 10 - 14 Jahre. Die Autoren sehen in ihren Ergebnissen einen Hinweis auf eine erhöhte Leukämie-Inzidenzrate in der inneren Zone um die Anlage für die Altersgruppe unter 10 Jahren.
Die SSK kam auf ihrer 175. Sitzung am 13./14. Dezember 2001 zu folgender Bewertung der Studie:
Ergebnisse aus ökologischen Studien haben prinzipiell eine nur sehr eingeschränkte Aussagekraft. Bei Studien diesen Typs werden Inzidenz- bzw. Mortalitätsraten "explorativ" bzw. deskriptiv ermittelt ohne die Möglichkeit, analytisch ("konfirmativ") verschiedene Einflussgrößen oder andere Expositionen einzubeziehen. Es können keine personenbezogenen Daten betrachtet werden, und somit liegen auch keine individuellen Expositionsdaten vor. Confounder sind schwer erkennbar und kaum zu kontrollieren. Ein unterschiedlicher Grad an Mobilität der Bevölkerung kann ökologische Zusammenhänge sowohl vortäuschen als auch verwischen. Ob geographische Korrelationen auf unterschiedliche regionale Einflussgrößen zurückzuführen sind, kann auf der Grundlage einer ökologischen Studie nicht entschieden werden.
Vor diesem Hintergrund stellt die SSK fest, dass insgesamt die Arbeit eine durchaus solide und angemessen durchgeführte Studie darstellt. Die Aussagekraft ihrer Ergebnisse ist allerdings, wie für die meisten ökologischen Studien, gering. Ein gefundener erhöhter SIR-Wert in einer der Gruppen kann nicht generell als Hinweis auf eine erhöhte Inzidenzrate in der Umgebung von La Hague herangezogen werden, ebenso wie ein SIR = 0 in einer anderen Gruppe nicht so interpretiert werden kann, dass die Anlage keinen oder gar einen Leukämie verhindernden Effekt auslösen würde.