Stellungnahme der Strahlenschutzkommission
Verabschiedet auf der 208. Sitzung der SSK am 11./12.07.2006
Veröffentlicht im BAnz Nr. 81 vom 28.04.2007
Kurzinformationen
In der Studie „Abschätzung des attributablen Lungenkrebsrisikos in Deutschland durch Radon in Wohnungen“ von Menzler et al. (Reihe „Fortschritte in der Umweltmedizin“, Ecomed Verlag Landsberg, 2006, S. 1-101, ISBN 3-609-16196-5) wurde zum ersten Mal eine flächendeckende Abschätzung der Radon-Konzentration in deutschen Wohnungen vorgenommen. Basierend auf dem Ergebnis der europäischen Pooling-Studie zum Lungenkrebsrisiko durch Radon-Expositionen in Wohnräumen wurde eine Verringerung der Anzahl der jährlichen Lungenkrebstoten in Deutschland um ca. 300, 150 bzw. 70 Fälle durch eine Reduktion der Radon-Konzentration auf höchstens 100, 200 oder 400 Bq/m3 abgeschätzt. Die jährliche Anzahl von 37 700 Lungenkrebstodesfällen in Deutschland würde also um 0,8%, 0,4% bzw. 0,2% reduziert. Demgegenüber sind ca. 90% der Lungenkrebstodesfälle dem Rauchen zuzuschreiben. Die Strahlenschutzkommission hält das in der Studie gewählte Rechenverfahren unter Vorsorgegesichtspunkten für anwendbar. Diese Studie hat ihren Wert darin, eine Vorstellung von vermutlichen Auswirkungen einer Expositionsminderung zu geben. Dies ist hilfreich für die Entscheidungsfindung des Gesetzgebers, ob und in welchem Ausmaß Vorsorgemaßnahmen zu treffen sind.
Die SSK sieht ihre Aussage aus dem Jahr 2000 bestätigt, dass die Ergebnisse der epidemiologischen Studien einen klaren Zusammenhang zwischen der Radon-Exposition und dem Lungenkrebsrisiko zeigen.
Die Strahlenschutzkommission weist darauf hin, dass
- die Abschätzungen zum attributiven Lungenkrebsrisiko durch Radon-Expositionen in Wohnungen auf der Annahme einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung ohne Schwellenwert beruhen. Grundsätzlich hält es die SSK nicht für sinnvoll, unter Annahme
einer Dosis-Wirkungsbeziehung isolierte Angaben zu Mortalitätsrisiken für Expositionen zu machen, die wesentlich unterhalb der Signifikanzgrenze von vorliegenden Studienergebnissen liegen. Die mittlere Radon-Konzentration liegt in Deutschland bei
50 Bq/m3. In der europäischen Pooling-Studie wurde für die Personengruppe mit einer Radon-Konzentration von 100 bis 199 Bq/m3 ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko beobachtet. Im Bereich 200 bis 399 Bq/m3 war das Ergebnis der Studie allerdings nicht signifikant. Für höhere Radon-Konzentrationen wurde wieder ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko beobachtet. Dies zeigt einerseits die erhebliche statistische Variabilität. Andererseits hält die SSK das gewählte Modell mit den vorgelegten Daten für kompatibel. Die Frage nach dem Verlauf der Dosis-Wirkungsbeziehung unterhalb von 100 - 199 Bq/m3 bleibt dabei naturgemäß offen.
- das Ergebnis der Studie auch unter Voraussetzung einer linearen Dosis-Wirkungsbeziehung ohne Schwellenwert große Unsicherheiten hat. Die Größe dieser Unsicherheiten wird einerseits durch den statistischen Unsicherheitsbereich von 652 bis 4759 Lungenkrebstodesfällen pro Jahr durch Radon in Wohnräumen angedeutet. Zusätzliche Unsicherheiten ergeben sich aus den Annahmen, die bei der Ableitung des korrigierten Risikofaktors in der europäischen Pooling-Studie gemacht wurden. Dennoch basiert die neue Studie auf wesentlich besseren Daten als frühere Studien.
- sie bereits 1986 festgestellt hat, dass bei Gültigkeit einer proportionalen Dosis-Risiko-Beziehung bei dem Mittelwert der Radon-Konzentration von 50 Bq/m³ etwa 4-12% der derzeitigen Lungenkrebshäufigkeit auf die Inhalation von Radon-Zerfallsprodukten in Häusern zurückgeführt werden könnten. Die jetzige Abschätzung des attributiven Risikos von 5% liegt im unteren Bereich früherer Abschätzungen, die auf den Lungenkrebsdaten von Minenarbeitern beruhten. Eine Hauptursache für den Unterschied ist, dass die Beobachtungszeit in den Studien der Minenarbeiter geringer war als in den Studien zur Radon-Exposition in Wohnräumen. Die Abnahme des relativen Risikos mit der Zeit nach Exposition wirkte sich deshalb in den Minenarbeiterstudien weniger auf das Ergebnis für das relative Risiko aus.
- die Analysen der Studie sich auf eine chronische, mit vergleichsweise niedrigen Strahlendosen verbundene Exposition beziehen. Die Untersuchung der Wirkung einer kurzzeitigen, mit höheren Strahlendosen verbundenen Exposition war nicht Gegenstand der Studie.
Die SSK weist darauf hin, dass es kaum ein anderes umweltrelevantes Kanzerogen gibt, bei dem die epidemiologische Datenlage so umfassend und eindeutig ist wie beim Radon, und dass die vorgelegten Berechnungen des attributiven Risikos erheblich genauer sind als frühere Abschätzungen. Dennoch enthalten die vorgelegten Abschätzungen die oben genannten Unsicherheiten. Insgesamt sollten alle Abschätzungen zum attributiven Risiko eher als Hinweis auf die Größenordnung der mit Radon in Wohnräumen assoziierten Sterbefälle denn als exakte numerische Quantifizierung dieses Zusammenhangs verstanden werden.
Die Strahlenschutzkommission hat die Stellungnahme „Attributives Lungenkrebsrisiko durch Radon-Expositionen in Wohnungen“ in ihrer 208. Sitzung am 11./12. Juli 2006 verabschiedet.