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Ansprache von Bundesinnenminister Prof. Dr. Werner Maihofer

anläßlich der konstituierenden Sitzung der Strahlenschutzkommission am 17. Oktober 1974 in Bonn

Pressedienst des Bundesministeriums des Innern, 17.10.1974

Ich freue mich, bei der ersten Sitzung der Strahlenschutzkommission persönlich anwesend sein zu können, und begrüße Sie als künftige Berater meines Hauses.

Ich danke Ihnen, daß Sie die Berufung in diese Kommission angenommen haben und zunächst für drei Jahre einen Teil Ihrer Arbeitskraft der Strahlenschutzkommission zur Verfügung stellen. Die Bedeutung der vor Ihnen liegenden Aufgaben kann kaum überschätzt werden. Der Schutz der Bevölkerung vor Schäden durch ionisierende Strahlen und radioaktive Stoffe, die in der Medizin wie in der Industrie immer häufiger Verwendung finden, wird immer stärker zum akuten Problem. Dazu tritt das latente Risiko der von immer mehr Kernkraftwerken und anderen kerntechnischen Anlagen ausgehenden Strahlengefährdung. In noch nicht zehn Jahren soll, wie Sie wissen, die installierte Kernkraftwerkskapazität 50.0000 MW betragen, wird also mehr als 14 mal größer sein als Anfang 1975. Der Strahlenschutz im Brennstoffkreislauf, bei Transport und Lagerung radioaktiver Abfälle wächst damit in kritische Dimensionen. Dabei muß in all diesen Hinsichten dem Schutz von Leben und Gesundheit der Bevölkerung vor den Gefahren der Kernenergie der eindeutige Vorrang vor wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesichert werden.

Ihrer Kommission wird als erste Aufgabe ein kritisches Votum zum Entwurf der neuen Strahlenschutzverordnung abverlangt. Wir brauchen es bald, damit es mit in die Beratungen des Entwurfs mit den anderen Bundesressorts, mit den Bundesländern und den verschiedenen Verbänden einbezogen werden kann. Mit zu den Aufgaben der Strahlenschutzkommission gehört über solche Projekte der Gesetzgebung hinaus aber auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Argumenten der Kritiker einer friedlichen Nutzung von Kernenergie. Viele unserer Mitbürger sind über die Gefahren von ionisierender Strahlen und die Ableitung von radioaktiven Stoffen aus Kernkraftwerken im Normalbetrieb sowie bei Störfällen zutiefst beunruhigt. Viele sind verunsichert durch polemische Kampagnen oder doch einfach unsicher aus fehlender oder mangelhafter Information. Wenn wir diese Unsicherheiten nicht abbauen und den Bürger vertraut machen mit den unvermeidbaren Risiken der Kernenergie, werden wir die Chancen der Kernenergie für die friedliche Entwicklung unseres Landes nicht wirklich auszuschöpfen vermögen.

Die Strahlenschutzkommission muß glücklicherweise nicht ab ovo ihre Arbeit konzipieren, sie kann auf den Ergebnissen früherer Beratungsgremien aufbauen. So gab es die Fachkommission „Strahlenschutz“ der deutschen Atomkommission, die von 1956 bis 1971 bestand, und den Fachausschuß „Strahlenschutz und Sicherheit“, in dem ein Teil von Ihnen bereits mitgearbeitet hat.

Durch die heutige Konstituierung der Kommission in meinem Geschäftsbereich erhält der Strahlenschutz jedoch erst den sicherheitspolitischen Rang, der ihm gebührt. Die Strahlenschutzkommission steht gleichrangig und gleichbedeutend neben der Reaktor-Sicherheitskommission. Zwischen beiden Gremien wird es wegen der aneinandergrenzenden Beratungskomplexe zwangsläufig eine enge Zusammenarbeit geben müssen.

Ich hoffe, daß wir uns schnell mit Ihnen auf eine Regelung der Zusammenarbeit dieser beiden Kommissionen, der Arbeitsweise der Strahlenschutzkommission und ihrer Ausschüsse einigen werden. Für Ihre verantwortliche Arbeit wünsche ich Ihnen den Erfolg, den wir für unser Land auf diesem Wege in unser aller Zukunft brauchen.

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