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Heft 58: Bewertung der epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie)

Wissenschaftliche Begründung zur Stellungnahme der Strahlenschutzkommission

Redaktion: Marina Grunst, Daniela Baldauf und Sabine Reinöhl-Kompa, Bonn
2009, 526 Seiten, 273 Abbildungen, 112 Tabellen
ISBN 978-3-87344-151-4, 45,00 €

Die wissenschaftliche Begründung zur o.g. Stellungnahme der SSK hat die Aufgabe, ausführliche Hintergrundinformationen zu liefern und detailliert auf die in der Stellungnahme angeführten Argumente einzugehen.

Sie umfasst die folgenden Kapitel:

1. Krebs im Kindesalter mit Schwerpunkt Leukämie

Krebsfälle im Kindesalter sind sehr seltene Ereignisse. Unter 100.000 Kindern im Alter bis zu 15 Jahren erkranken etwa 15 Kinder an Krebs, davon etwa ein Drittel an Leukämie. Das Tumorspektrum ist bei Kindern deutlich anders als bei Erwachsenen. Die Ursachen und Mechanismen, die zur Krebsentstehung bei Kindern führen, sind weitgehend unverstanden. Allerdings handelt es sich mit einiger Sicherheit, ähnlich wie beim Erwachsenen, um Mehrschritt-Prozesse und um ein multifaktorielles Geschehen. Zumindest für die Leukämie-Entstehung gibt es den begründeten Verdacht, dass die ersten Veränderungen auf dem Weg zur klinisch manifesten Leukämie bereits im Fötus erfolgen. Unter der Voraussetzung, dass bestimmte Strahlendosen überschritten werden, ist der epidemiologische Nachweis einer Zunahme von Krebsfällen durch ionisierende Strahlung möglich. Sind die Strahlendosen gering (geringer als etwa 10 mSv), so lässt sich unter einer Reihe von Annahmen (u.a. lineare Extrapolation ohne Schwellendosis) das Risiko errechnen, aber epidemiologisch nicht mehr nachweisen.

2. Epidemiologische Studien zu Krebs im Kindesalter mit Schwerpunkt Leukämie (bis 15 Jahre)

Die Oxford Survey of Childhood Cancers (OSCC) ist mit Abstand die größte Fall-Kontrollstudie zu Kinderkrebs nach Strahlenexposition in utero. Analysen der OSCC-Daten ergeben sowohl für Leukämie als auch für die Gesamtheit aller Krebsarten im Lebensalter von unter 5 Jahren ein relatives Risiko von ungefähr 1,4 nach Röntgenuntersuchungen in utero mit einer Fötusdosis von 10 mGy. Kohortenstudien deuten eher auf niedrigere Risiken hin. Zu Leukämie oder Krebsrisiken im Kindesalter nach postnatalen Expositionen ist weniger bekannt als für Expositionen in utero. Insgesamt gibt es jedoch Hinweise, dass das Risiko nach postnataler Exposition geringer ist als nach Exposition in utero.

Eine Vielzahl von Faktoren stand bisher in Verdacht, Leukämien im Kindesalter auslösen zu können: neben ionisierender Strahlung sind dies diverse Chemikalien (insbesondere Pestizide, eine Reihe von Medikamenten, Ölprodukte), das Immunsystem beeinflussende Faktoren (Infekte, Allergien, Impfungen), magnetische Felder, Ernährungsweise, soziales Umfeld, genetische Prädispositionen, um nur einige zu nennen. Es spricht vieles dafür, dass es den Leukämie-auslösenden Faktor nicht gibt, sondern dass das Zusammenspiel mehrerer Faktoren zur Entstehung einer Leukämie notwendig ist, es sich also um ein multifaktorielles Geschehen handelt.

3. Leukämievorkommen in der Umgebung kerntechnischer Anlagen

Bis 1999 fanden mehrere ökologische Studien leicht erhöhte Leukämie-Inzidenzen bei Kindern im Alter unter 5 Jahren (d.h. 0 - 4 Jahre) in der Nähe von kerntechnischen Anlagen. Eine umfassende Analyse dieser Daten zeigte, dass die Erhöhung auf einzelne Standorte beschränkt war. Im Gegensatz zur deutschen KiKK-Studie wurde in neueren landesweiten epidemiologischen Studien in Großbritannien und Frankreich kein erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern unter 5 Jahren beobachtet. Bisher wurde keine schlüssige Erklärung für die inkonsistenten Resultate gefunden. Die von kerntechnischen Anlagen im Normalbetrieb ausgehenden sehr niedrigen Strahlenexpositionen lassen einen kausalen Zusammenhang mit den radioaktiven Ableitungen der Anlagen als unvereinbar mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand erscheinen.

4. Strahlenexpositionen der Bevölkerung und der Kinder der KiKK-Studie

Dieses Kapitel gibt einen detaillierten Überblick über alle Quellen der Strahlenexposition der Menschen in Deutschland und speziell der Kinder der KiKK-Studie. Dabei werden alle Quellen natürlicher und künstlicher Radioaktivität und Strahlung mit ihrer Bedeutung für die externe und die interne Strahlenexposition dargestellt.

Die natürliche Radioaktivität, die oberirdischen Kernwaffenexplosionen, der Unfall von Tschernobyl und eine Vielzahl weiterer Ereignisse und Umstände haben eine Fülle von Erfahrungen zur Strahlenexposition des Menschen durch Radioaktivität in der Umwelt geliefert. Sie erlauben belastbare Aussagen über die für relevante Strahlenexpositionen erforderlichen Umweltkontaminationen.

Alle im Zusammenhang mit Ableitungen radioaktiver Stoffe aus kerntechnischen Anlagen relevanten Radionuklide (H-3, C-14, Spalt- und Aktivierungsprodukte, radioaktive Edelgase, Aktinide) sind aus den Erfahrungen der Radioökologie in Bezug auf ihr Verhalten in der Umwelt und die durch sie verursachten Strahlenexpositionen bekannt. Dabei kommen alle Strahlenarten und -energien auch auf natürliche Weise vor.

Die Erfahrungen der oberirdischen Kernwaffenversuche und des Unfalls von Tschernobyl lassen folgenden Schluss zu: Strahlenexpositionen durch Umweltradioaktivität mit Jahresdosen oberhalb 10 µSv hinterlassen in der Umwelt Spuren, die messtechnisch nicht zu übersehen sind.

In Deutschland wird die Umweltradioaktivität seit den 1960er Jahren intensiv überwacht. Dazu gehört auch die Überwachung der Emissionen und Immissionen kerntechnischer Anlagen auf Grundlage des gesetzlichen Regelwerkes mit dem Ziel des Nachweises der Einhaltung der Dosisgrenzwerte nach § 47 StrlSchV.

Die Überwachung deutscher Kernkraftwerke besteht aus einem kombinierten System der Emissions- und Immissionsüberwachung, die eine Beurteilung der aus Ableitungen radioaktiver Stoffe mit Luft und Wasser resultierenden Strahlenexposition des Menschen ermöglicht und eine Kontrolle der Einhaltung von maximal zulässigen Aktivitätsabgaben sowie von Dosisgrenzwerten gewährleistet. Die geforderten Nachweisgrenzen der Messprogramme nach der Richtlinie zur Emissions- und Immissionsüberwachung kerntechnischer Anlagen (REI) und dem Integrierten Mess- und Informationssystems (IMIS) bieten die Möglichkeit, Strahlenexpositionen von 1 µSv pro Jahr nachzuweisen.

Detaillierte Informationen über die Ableitungen radioaktiver Stoffe aus Kernkraftwerken liegen für die gesamten Betriebszeiträume vor. Zusammen mit den Wetterstatistiken erlauben diese Daten die konservative Abschätzung der durch Kernkraftwerke bewirkten zusätzlichen Strahlenexposition der Bevölkerung.

Seit den 1960er Jahren berichtet die Bundesregierung jährlich über die Strahlenexposition der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei werden seit Beginn der friedlichen Nutzung der Kernenergie auch die durch Ableitungen radioaktiver Stoffe mit Fortluft und Abwasser zu erwartenden Strahlenexpositionen an den ungünstigsten Einwirkungsstellen für Referenzpersonen berichtet.

Jede Komponente der hoch variablen, natürlichen Strahlenexposition ist um Größenordnungen höher als die Strahlenexpositionen der Referenzpersonen durch Direktstrahlung oder als Folge der Ableitungen radioaktiver Stoffe mit Fortluft und Abwasser an den ungünstigsten Einwirkungsstellen in der Umgebung von Kernkraftwerken in Deutschland.

Die Strahlenexpositionen der Kinder der KiKK-Studie werden im Hinblick auf die Sinnhaftigkeit der Methodik der KiKK-Studie, auf ihre Relevanz für die Verursachung von Leukämie im Kindesalter und auch im Zusammenhang mit von Dritten vorgebrachten Argumentationslinien diskutiert.

5. Report from an Independent Check on the Recently Published Paper on Leukaemia in Young Children Living in the Vicinity of German Nuclear Power Plants (by Sarah Darby und Simon Read)

Die Ergebnisse der unabhängigen Neuauswertung, die von Sarah Darby und Simon Read durchgeführt wurde, werden im vorliegenden Report zusammengefasst. Die Analysen ergaben eine Bestätigung der Hauptaussagen der KiKK-Studie und lieferten einige zusätzliche Ergebnisse.

Die Autoren des Berichtes über die Vergleichsrechnungen folgern, dass es innerhalb der 5 km-Radien um die Kernkraftwerke ein erhöhtes Risiko für akute Leukämie im Kindesalter gibt. Die Ursachen sind unbekannt. Die Analyse deutet darauf hin, dass auslösende Faktoren mit den Lebensbedingungen in den ländlichen Regionen um die Kernkraftwerke im Zusammenhang stehen könnten.

Die wissenschaftliche Begründung enthält ferner 4 Anhänge (u.a. den Datenanhang zum Kapitel 4 „Strahlenexpositionen der Bevölkerung und der Kinder der KiKK-Studie“).

Die Strahlenschutzkommission hat die sehr ausführliche wissenschaftliche Begründung zur Stellungnahme „Bewertung der epidemiologischen Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie)“ in ihrer 232. Sitzung am 16. Dezember 2008 verabschiedet.

Zusatzinformationen

Beratungsgremium SSK

Die Strahlenschutzkommission (SSK) ist ein Beratungsgremium des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und berät dieses ...

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