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Band 60: Notfallschutz bei Schadenslagen mit radiologischen Auswirkungen

Klausurtagung der Strahlenschutzkommission am 10./11. November 2005

2007, 317 Seiten, 45 Abbildungen, 9 Tabellen
ISBN 978-3-87344-140-8, 45,00 €

Strukturen, Organisation und Instrumente des Notfallschutzes bei radiologischen Ereignissen sind verstärkt in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland weiterentwickelt und teilweise ganz neu aufgebaut worden. Ein wesentlicher Anlass für eine tiefgreifende Ertüchtigung des Notfallschutzes bei radiologischen Schadenslagen waren die durch den Reaktorunfall in Tschernobyl in Deutschland und anderen Ländern gemachten Erfahrungen hinsichtlich der Bewältigung einer solchen Krisensituation.

Organisation des Notfallschutzes

Der auf diesem Gebiet erreichte Entwicklungsstand wurde auf der Klausurtagung der Strahlenschutzkommission eingehend vorgestellt und diskutiert. Danach können folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

  • Die zurzeit vorhandenen Konzepte und Strukturen in Verbindung mit den zur Verfügung stehenden Instrumentarien zur Bewältigung von radiologischen Krisensituationen haben einen Stand erreicht, der keine grundlegenden Defizite aufweist. Unverändert erforderlich sind jedoch kontinuierliche Weiterentwicklungen und Verbesserungen, die sich aus erkannten Defiziten auf diversen Teilgebieten des Notfallschutzes ergeben. Dabei soll dem Fortschritt des nationalen und internationalen Kenntnisstandes bei den vielfältigen Aspekten des Strahlenschutzes im Notfall Rechnung getragen werden, einschließlich medizinischer Maßnahmen und organisatorischer, messtechnischer und informationstechnischer Entwicklungen sowie der Kommunikation mit der Öffentlichkeit.
  • Dieser Einschätzung entsprechend konzentrieren sich die Beratungen der SSK derzeit auf Empfehlungen für solche Aspekte des Strahlenschutzes im Notfall, für die aufgrund nationaler und internationaler Fortschritte sowie erkannter Probleme und erforderlicher Verbesserungen die Notwendigkeit einer Anpassung und Aktualisierung erkannt worden ist.
  • Deutlich wurde die Bedeutung von Übungen, bei denen je nach Zielsetzung z.B. Betreiber einer kerntechnischen Anlage, Organisationseinheiten des Notfallschutzes und Entscheidungsträger für Notfallmaßnahmen auf den verschiedenen nationalen und ggf. internationalen Ebenen miteinander kommunizieren müssen und möglichst konsistente Maßnahmenentscheidungen treffen sollen. In Übungen lassen sich radiologische Krisensituationen in Teilaspekten simulieren und das Zusammenwirken der beteiligten Institutionen und Organisationen sowie die Einsatzfähigkeit der Unterstützungssysteme überprüfen. Dadurch können Defizite aufgedeckt und Verbesserungsbedarf kann identifiziert werden.
  • Einige Probleme geben Anlass zu der Besorgnis, dass sich ohne besondere Anstrengungen die Situation des Notfallschutzes verschlechtern kann. Dies betrifft die Aufrechterhaltung der Kompetenz im Strahlenschutz für eine hinreichende Anzahl von gut ausgebildeten und qualifizierten Personen, die insbesondere auch über die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen des Strahlenschutzes im Notfall verfügen. Die SSK hat schon wiederholt auf die sich verschärfende Problematik hinsichtlich des erforderlichen Kompetenzerhaltes im Strahlenschutz in Deutschland hingewiesen.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Beiträge zum Thema Öffentlichkeitsarbeit mit der anschließenden Podiumsdiskussion zeigten deutlich, wie komplex die Wechselwirkung zwischen Behörden und Fachleuten auf der einen und der Öffentlichkeit auf der anderen Seite sein kann. An dieser Schnittstelle wird die Notwendigkeit einer Unterstützung durch im Krisenmanagement erfahrene, psychologisch geschulte Personen deutlich. Gegenwärtig wird ein vom BMU veranlasstes Forschungsvorhaben „Kommunikation der Öffentlichkeit bei radiologischen Ereignissen“ durchgeführt, dessen Ergebnisse die SSK im Hinblick auf die Weiterentwicklung von bereits vorbereiteten Textbausteinen analysieren wird.

Abgesehen von schwerwiegenden Hochwassersituationen ist Deutschland seit längerer Zeit von Katastrophen verschont geblieben. Im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern ist die Bevölkerung auch nicht an Übungen gewöhnt, wie beispielsweise das geordnete Verlassen eines Gebäudes bei Probealarmen. Auf der anderen Seite hat sich bei Hochwasserkatastrophen gezeigt, dass die Bevölkerung viel katastrophenresistenter ist als vielfach vermutet. Entscheidend ist dabei, dass von der betroffenen Bevölkerung die Informationen und Maßnahmen sowie die Führung seitens der Einsatzleitung und der Katastrophenschutzbehörden als kompetent und vertrauenswürdig wahrgenommen werden.

Medizinische Maßnahmen bei Strahlenunfällen

In den vergangenen Jahren sind aus der Analyse des weltweiten Strahlenunfallgeschehens und aus weiteren Forschungsarbeiten deutliche Fortschritte bei der Erkennung und Behandlung des akuten Strahlensyndroms erzielt worden. Mit Unterstützung der Europäischen Gemeinschaft hat dies zu einer konzertierten Aktion „METREPOL“ (Medical Treatment Protocols for Radiation Accident Victims) und dadurch zu einem systematischen Vorgehen bei der Strahlenunfall-Diagnostik und bei der Ableitung von Behandlungsempfehlungen in Abhängigkeit von einer Einstufung des Schweregrades und der Komplexität der Strahlenschädigung geführt. Hiermit wird es möglich, frühzeitig die Weichen für therapeutische Maßnahmen zu stellen. Das setzt jedoch das Vorhandensein einer logistischen Infrastruktur und die Bereitschaft von entsprechend ausgerüsteten klinischen Einheiten zur Mitwirkung voraus. Zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Kompetenz des entsprechenden klinischen und des naturwissenschaftlichen Personals ist zumindest eine laufende Fort- und Weiterbildung der mitwirkenden Kernmannschaften erforderlich.

Die internationale Zusammenarbeit bezüglich medizinischer Maßnahmen bei Strahlenunfällen wurde in mehreren Beiträgen sehr deutlich und ist unverzichtbar zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung und zur Gewährleistung einer kompetenten Versorgung Betroffener. Hier ist insbesondere auch auf das REMPAN-Netzwerk (Radiation Emergency Medical Preparedness and Assistance Network) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hinzuweisen. Die Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg fungiert als eines der weitweit zurzeit 17 Kollaborationszentren. Die SSK unterstreicht die Bedeutung dieser internationalen Mitwirkung im Rahmen von REMPAN für eine medizinische Versorgung bei Strahlenunfällen.

Die SSK sieht Probleme hinsichtlich einer ausreichenden und qualifizierten ärztlichen Versorgung in radiologischen Notfallsituationen. Bei Schadensereignissen, die zur Exposition im Bereich der Eingreifrichtwerte von vielen Personen führen oder teilweise sogar mit deterministischen Strahleneffekten verbunden sind, kann eine adäquate medizinische Versorgung nur erfolgen, wenn eine hinreichende Anzahl von Strahlenschutzärzten (im Strahlenschutz als auch in der Katastrophen- und Notfallmedizin speziell ausgebildete Ärzte) kurzfristig zur Verfügung steht. Zwar fällt die Rekrutierung und Weiterbildung von Strahlenschutzärzten primär in die Verantwortung der Länder, dennoch sieht sich die SSK in der Pflicht, ihren fachlichen Beitrag hierzu zu leisten. Das geschieht beispielsweise dadurch, dass Empfehlungen zu Curricula der Strahlenschutzärzte gegeben werden und die medizinischen Grundlagen von Diagnose und Therapie von exponierten Personen dargelegt werden. Die SSK wird darauf hinwirken und dies auch unterstützen, dass – wie schon in den 1980er Jahren – qualifizierte Weiterbildungsveranstaltungen bundesweit angeboten werden. Die SSK ist sich der Tatsache bewusst, dass die Gewinnung von Ärzten und ihre Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen und Übungen auch ein finanzielles Problem darstellt, das in einem von freiwilligem Engagement im Katastrophenschutz geprägten Umfeld nicht ohne Weiteres gelöst werden kann.

Die von der Strahlenschutzkommission in ihrer 210. Sitzung am 28./29. September 2006 verabschiedete Stellungnahme „Bewertung der Ergebnisse der SSK-Klausurtagung 2005“ und die Beiträge dieser Tagung sind als Band 60 der Veröffentlichungen der Strahlenschutzkommission publiziert.

Zusatzinformationen

Beratungsgremium SSK

Die Strahlenschutzkommission (SSK) ist ein Beratungsgremium des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und berät dieses ...

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