Veröffentlicht am: Empfehlung
- Strahlenschutztechnik
Dosismessgrößen, ICRU Report 95, operationelle Messgrößen, Strahlenschutz, Strahlenschutzdosimetrie
Empfehlung der Strahlenschutzkommission
Verabschiedet in der 343. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 16/17. Juli 2026
Verbessern die im ICRU Report 95 vorgeschlagenen Messgrößen den praktischen Strahlenschutz?
Warum hat sich die SSK mit dem Thema befasst?
Der Strahlenschutz unterscheidet zwischen Schutzgrößen und Messgrößen:
- Schutzgrößen dienen der Bewertung gesundheitlicher Risiken durch ionisierende Strahlung auf den Menschen.
- Messgrößen (operationelle Größen) sind physikalische Größen, die mittels Messgeräten direkt bestimmt werden können und Schätzwerte für die Schutzgrößen liefern.
Im Jahr 2020 schlug die ICRU (International Commission on Radiation Units and Measurements) ein neues System für operationelle Messgrößen vor, um die Schutzgrößen per Definition genauer abzubilden. Da eine Umsetzung weitreichende Konsequenzen hätte, wurde die SSK im April 2025 um eine wissenschaftliche Bewertung der Konsequenzen einer Einführung in wissenschaftlicher, praktischer, technischer und ökonomischer Hinsicht gebeten.
Welche Fragen werden behandelt?
- Wie ist der Nutzen der neuen Dosismessgrößen aus wissenschaftlicher Sicht zu bewerten?
- Welche Auswirkungen hat eine mögliche Einführung auf den praktischen Strahlenschutz und welchen Mehrwert bringen die neuen Größen im Vergleich zu den aktuell gesetzlich festgelegten Größen?
- Welche Auswirkungen hat eine mögliche Einführung auf die Dosimetrie und auf die Herstellung von Strahlenschutzdosimetern?
- Mit welchen Langzeitauswirkungen ist im Falle einer Nicht-Einführung zu rechnen und wie sind diese zu bewerten?
Was sind die Kernaussagen der SSK zu diesem Thema?
- Die Strahlenschutzkommission (SSK) empfiehlt, die im ICRU-Report 95 vorgeschlagenen neuen operationellen Messgrößen in Deutschland aktuell nicht einzuführen. Werden diese vorgeschlagenen neuen Dosismessgrößen zum jetzigen Zeitpunkt nicht eingeführt, sind keine wesentlichen Nachteile zu erwarten.
- Kein praktischer Zusatznutzen: Für den praktischen Strahlenschutz ergeben sich aktuell kaum relevante Vorteile. Das bestehende System gilt als gut funktionierend, bewusst konservativ und bietet ein ausreichendes Schutzniveau. Typische Unsicherheiten bei der Dosiserfassung, z. B. durch anatomische Unterschiede, Fehlausrichtungen oder unregelmäßige Strahlungsfelder, blieben auch im neuen System bestehen. Die gemäß den neuen Messgrößen reduzierten Dosiswerte bergen Potenzial für Verunsicherung und Misstrauen. Damit ergibt sich zumindest ein erhöhter Kommunikationsaufwand.
- Hoher Aufwand: Eine Umstellung erfordert erhebliche Ressourcen. Bestehende Messgeräte, Kalibrierungen und Auswertealgorithmen müssten aufwendig angepasst oder teilweise neu entwickelt werden. Dies zieht deutliche technische und ökonomische Konsequenzen nach sich, was Kosten- und Zeitaufwand für Hersteller und Anwendende bedeuten würde.
- Internationale Harmonisierung: Eine internationale Abstimmung ist essenziell. Unter den momentanen Rahmenbedingungen empfiehlt die SSK, das aktuelle System fortzuführen und auf ein harmonisiertes Vorgehen in Bezug auf eine endgültige Entscheidung hinzuwirken.
Abstract
Der Strahlenschutz dient dazu Menschen, Tiere und die Umwelt vor den potenziell schädlichen Wirkungen ionisierender und nichtionisierender Strahlung zu schützen. Für den Bereich der ionisierenden Strahlung wurden Schutz- und Messgrößen definiert. Die Schutzgrößen dienen dazu, die Wirkung ionisierender Strahlung auf den Menschen zu bewerten, Gesundheitsrisiken abzuschätzen und Schutzmaßnahmen rechtlich festlegen zu können. Diese sind jedoch als Messgrößen der Orts- und Personendosis nicht geeignet. Die operationellen Messgrößen dagegen sind an einem Punkt definiert und liefern Schätzwerte für die Schutzgrößen.
Die Definitionen der Schutz- und Messgrößen unterscheiden sich bezüglich der zugrunde liegenden Modellannahmen. Das 2020 von der ICRU vorgeschlagene, neue System weist zwar konzeptionelle Vorteile auf und ist wissenschaftlich enger an die Schutzgrößen angebunden, jedoch überwiegt nach Einschätzung der SSK der Umstellungsaufwand den praktischen Nutzen derzeit deutlich.
Nach Abwägung der wissenschaftlichen Vorteile gegenüber dem mutmaßlich geringen Nutzen für den praktischen Strahlenschutz sowie dem mit einer Umstellung verbundenen Aufwand empfiehlt die SSK, die vorgeschlagenen Messgrößen zum jetzigen Zeitpunkt nicht einzuführen. Eine spätere Neubewertung bei veränderten internationalen Randbedingungen bleibt offen.
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Publikation zitieren
Strahlenschutzkommission (SSK). Bewertung der Auswirkungen einer Einführung der ICRU Report 95 Dosismessgrößen auf den Strahlenschutz in Deutschland, verabschiedet in der 343. Sitzung der Strahlenschutzkommission am 17.07.2026. www.ssk.de/publikationen/2026-07-17-icru95